Selbstverständlich

Wenn ich merke, dass jemand hinter mir geht, halte ich der Person selbstverständlich die Tür auf. Da habe ich nicht einmal drüber nachgedacht, ich mache es einfach. Natürlich könnte ich mein Verhalten auch begründen, wenn mich jemand danach fragen würde. Gegenseitige Rücksichtnahme erleichtert das Zusammenleben. Als Menschen sind wir auf ein gutes Miteinander angewiesen, ein gutes Miteinander steigert die Lebensqualität und gerade solche Kleinigkeiten sind wichtig. Das merke ich vor allem auch dann, wenn mir jemand die Tür vor der Nase zugeschlagen hat. Was also ist selbstverständlich? Ein Verhalten, welches ich automatisch mache, ohne darüber nachzudenken. Wenn ich darüber nachdenken würde, könnte ich es begründen und würde es gut heißen. Oder es wären Gewohnheiten, die ich nicht wirklich begründen kann, mit denen ich aber nachträglich einverstanden wäre – sonst fände ich es ja nicht selbstverständlich, sondern unverständlich. 

Selbstverständlichkeiten zeugen somit von einem guten Zusammenspiel von Kopf und Bauch, unseren beiden Bewertungssystemen. Ich handle automatisch auf eine Weise, mit der ich einverstanden bin. Es ist das, was wir im Seminar als gute Selbstregulation bezeichnen. Dabei kann es sich aber durchaus um erworbene bzw. erlernte Gewohnheiten handeln, wie z.B. das Zähneputzen. Als Kind fand ich es nicht so toll, es wurde mir antrainiert. Irgendwann wurde mir auch klar, wofür es sinnvoll ist und im Laufe der Jahre habe ich es so verinnerlicht, dass ich morgens automatisch zur Zahnbürste greife, wenn ich ins Bad komme. Das war ein langer Prozess, der sich über Jahre hingezogen hat. Soviel Zeit habe ich heute nicht, um neue Dinge zu erlernen oder mich auf Veränderungen einzustellen. Insofern ist das Zürcher Ressourcenmodell für mich eine große Hilfe, wenn es darum geht, neue Selbstverständlichkeiten zu entwickeln. Ich fange an die Dinge, die mir nicht sonderlich angenehm sind, aber doch unausweichlich scheinen, mit größerer Leichtigkeit zu erledigen. Ich bin nicht nur froh, etwas erledigt zu haben, sondern auch zufrieden mit mir selbst, weil ich mich auf mich verlassen kann – selbstverständlich.

Unliebsame Gewohnheiten …

„Gewohnheit ist das Ergebnis eines langen Weges, auf dem man aufgehört hat nachzudenken“

Irgendwo, vor langer zeit, habe ich diesen Satz einmal gefunden. Er hat mir gefallen. Wie viele Beispiele sind mir da sofort in den Sinn gekommen: Der Stammtisch mit Leuten, mit denen ich mir schon lange nichts mehr zu sagen hatte. eine bestimmte Tätigkeit, die mich genau genommen nur vom Wesentlichen abgehalten hat. Die Angewohnheit immmer viel zu schnell zu sagen: „Ist schon iin Ordnung, gar kein Problem für mich.“ Die Liste der Gewohnheiten, über die ich nicht weiter nachgedacht habe, ließe sich endlos fortsetzen.

Die Frage ist also: Was tue ich so jeden Tag nur deshalb, weil ich es immer schon getan habe? Auch wenn ein unbestimmtes Gefühl mir schon lange sagt, dass es mich nicht wirklich glücklich macht. Oder dass ich es gar nicht wirklich brauche. Ich spüre da also etwas, vielleicht macht mir auch etwas richtig schlechte Laune, aber es ist eben nur eine Empfindung, etwas, das letztlich unbewusst bleibt. Wirklich nachdenken kann ich aber nur über Dinge, die mir auch bewusst sind.

Zugegeben, die oben genannten Beispiele wirken eher harmlos – ich habe auch so recht lange damit gelebt. Das Aufatmen, nachdem ich den Stammtisch verlassen, die Tätigkeit beendet und die Verhaltensweise abgelegt hatte, war dennoch enorm. Und manchmal verbirgt sich hinter einem häufig verspürten Unbehagen auch mehr: Ein unerfülltes Bedürfnis, eine ständige Verletzung meiner Wertevorstellungen, der Wunsch nach einem anderen (besseren?) Selbst.

ZRM bietet mir die Möglichkeit diesem irgendwie gearteten Unbehagen auf den Grund zu gehen. Mit dem Zürcher -Ressourcen-Modell kann ich ein diffuses Bedürfnis in ein Motiv verwandeln und es damit grifbar machen und benennen. Dann ist der nä#chste Schritt, über eine konkrete Veränderung nachzudenken, schon in greifbare Nähe gerückt.